Die Untertageverlagerung "Turmalin"

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Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges suchten die Nationalsozialisten nach Möglichkeiten zum Schutz kriegswichtiger Produktionsanlagen vor den Bombenangriffen der Alliierten. Dabei geriet auch das Sandsteinmassiv des Regensteins nordöstlich von Blankenburg in den Fokus der damaligen Machthaber. Diese planten, in dem Höhenzug eine unterirdische Rüstungsfabrik zu errichten. Die Magdeburger Firma "Schäffer & Budenberg G.m.b.H." sollte in dem dort zu schaffenden Stollensystem Messgeräte und andere Zubehörteile für den Einsatz in der "V2" herstellen.

Vorgesehen war eine untertägige Nutzfläche von etwa 68.000 Quadratmetern mit Arbeitsplätzen für rund 3.500 Personen. Die komplett neu anzulegenden Stollen sollten ungefähr sieben Meter breit und 4,50 Meter hoch werden. Laut Planung zweigten dabei von mehreren Haupttunneln unzählige Nebengänge mit den eigentlichen Produktionsflächen ab.

Das Untertage-Projekt erhielt entsprechend dem seinerzeitigen Verschlüsselungsschema den Tarnnamen "Turmalin". Für die Betriebsstätte hatte man sich obendrein den Decknamen "Odawerk" ausgedacht.

Die ersten Arbeiten zum Stollenvortrieb begannen im Juni des Jahres 1944. Neben einigen zivilen Arbeitern der bauausführenden Firmen wurden von Anfang an auch zahlreiche Häftlinge eingesetzt. Ab August 1944 entstand am Fuße des Felsmassivs eigens zu diesem Zweck das dem Konzentrationslager Dora zugeordnete Außenlager Blankenburg-Regenstein. Die Baustelle bzw. die geplante unterirdische Rüstungsfabrik erhielt außerdem einen Anschluß an das nahe gelegene normalspurige Bahngleis von Halberstadt nach Blankenburg.

Etwa ab Beginn des Jahres 1945 kamen die Arbeiten am Stollensystem nur noch schleppend voran. Der kriegsbedingte Materialmangel sowie fehlende Energieträger machten sich bemerkbar. Dennoch konnte bis zur Einstellung der Bautätigkeit am 6. April 1945 ein rund 18.000 Quadratmeter umfassendes untertägiges Areal geschaffen werden. Ein kleiner Teil der Anlage wurde bereits für die Rüstungsproduktion verwendet. Hier sollen ungefähr 150 Arbeitskräfte tätig gewesen sein.

Zum Zeitpunkt der Einstellung des Stollenvortriebs waren mehrere hundert Häftlinge im Einsatz. Wie viele von ihnen bei den Arbeiten im Berg ihr Leben ließen, ist nicht überliefert. Ein großer Teil der Gefangenen starb bei den sich an die Lageraufgabe anschließenden "Evakuierungen", welche heute unter der Bezeichnung "Todesmarsch" bekannt sind.

Die Geschichte der Untertage-Verlagerung "Turmalin" ist damit aber noch lange nicht zu Ende. Nach einer zwischenzeitlichen Nutzung als Lagerraum und für die Champignonzucht erfolgte in den 1970er Jahren der Umbau zum atombombensicheren Materiallager der NVA. Im Jahre 1990 übernahm die Bundeswehr die Anlage und richtete dort ein Sanitätsdepot ein. In unseren Tagen befindet sich in dem nach wie vor militärisch genutzten komplexen Stollensystem die größte unterirdische Apotheke der Welt.


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Weitere Informationen:
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