Der Bauerngraben

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Der Bauerngraben
Blick vom Aussichtspunkt auf den mit Wasser gefüllten Bauerngraben
Der Bauerngraben gehört zu den wohl ungewöhnlichsten Erscheinungen der Südharzer Gipskarstlandschaft. Bei diesem außergewöhnlichen Naturphänomen handelt es sich um eine bis zu 15 Meter tiefe Senke rund zwei Kilometer südöstlich von Breitungen. Diese Senke wird im Süden von einer etwa 60 Meter hohen Steilwand begrenzt und mißt ca. 350 Meter in der Länge und 100 Meter in der Breite. In den Bauerngraben fließt der im Harz entspringende Glasebach hinein. Sein Wasser verschwindet dort im Untergrund.

Derartige Bachschwinden - sog. Ponore - sind im Südharzer Karstgebiet keine Seltenheit, doch der Bauerngraben unterscheidet sich deutlich von allen anderen. Zu manchen Zeiten fließt das Wasser des Glasebachs nicht einfach in die Hohlräume des Karstgesteins, sondern staut sich in der Senke an. Auf diese Weise kann ein bis zu 3,4 Hektar großer und maximal 200.000 Kubikmeter Wasser fassender See entstehen.

Das Gewässer hat oftmals über mehrere Jahre Bestand, ebenso wie die Senke wiederum für einige Jahre trocken liegen kann. Meist wechseln sich Wasser- und Trockenphasen aber in kürzeren Abständen ab. Dieses nicht vorhersehbare Erscheinen und Verschwinden des Sees regte stets die Phantasie der Menschen an, welche seit alters her Erklärungen für dieses Phänomen suchten.

Neben dem Namen "Bauerngraben" wird das Gewässer oftmals auch "periodischer See" oder "Hungersee" genannt. Letztere Bezeichnung darf aber nicht mit dem weiter westlich gelegenen Breitunger "Hungersee" verwechselt werden. Wirklich periodisch ist der See auch nicht, denn für die einzelnen Phasen läßt sich keinerlei Regelmäßigkeit erkennen.

In der Vergangenheit war die Verwendung des Bauerngrabens genau geregelt. Je nach Zustand ergaben sich unterschiedliche Nutznießer. Bei Trockenheit hatte der Breitunger Pfarrer das Recht, das Areal landwirtschaftlich zu nutzen. War der Bauerngraben dagegen mit Wasser gefüllt, hatte die Gemeinde Roßla hier das Fischereirecht. Das Gewässer wurde dann mit Jungfischen besetzt, welche man als ausgewachsene Exemplare wieder abfischte - falls nicht vorher das Wasser aus dem See abfloß.

Bereits im 18. Jahrhundert war das Geheimnis des Bauerngrabens prinzipiell gelöst, doch geriet dieses Wissen in der Folgezeit zumindest teilweise wieder in Vergessenheit. Man wußte seinerzeit bereits, daß das Wasser des Glasebachs nördlich von Wickerode in mehreren Quellen wieder ans Tageslicht gelangte und daß es im Bereich des Bauerngrabens große wassergefüllte Höhlen geben mußte.

Beim Bau des Breitunger Erbstollens, welcher die Kupferbergwerke bei Breitungen entwässern sollte, stießen die Arbeiter im Jahre 1755 auf einen großen, mit Wasser gefüllten Hohlraum. Das dortige Wasser stammte aus dem Bauerngraben. Fünf Jahre währten die Bemühungen, dem Wasser Herr zu werden, bevor man die Arbeiten am Stollen einstellte. Das Breitunger Bergbauunternehmen sah sich daher veranlaßt, eine Verlegung des Glasebaches zu beantragen, um den Wasserlösungsstollen weiter in das Grubenrevier vorantreiben zu können. Die Wickeröder Bergbau-Gewerkschaft fürchtete nun aber einen Verlust des für den Hüttenbetrieb im Nassetal notwendigen Aufschlagwassers, welches aus den von diesem Wasserlauf gespeisten Quellen stammte. Es entwickelte sich daraufhin ein 24 Jahre währender Rechtsstreit zwischen den beiden Bergbaugesellschaften. Die Breitunger Gewerkschaft wurde darüber zahlungsunfähig, was die Einstellung des Bergbaus im Raum Breitungen zur Folge hatte.

Ein Färbeversuch aus dem Jahre 1953 bestätigte die Verbindung zwischen dem Bauerngraben und der Wickeröder Hüttenquelle sowie weiteren Quellen im Nassetal. Außerdem fließen große Wassermengen über den nie seiner eigentlichen Bestimmung übergebenen Breitunger Erbstollen in Richtung Roßla ab. Die bergbauliche Tätigkeit hat somit den natürlichen Wasserhaushalt der Region um den Bauerngraben erheblich beeinflußt.

Auch die Frage, warum zu manchen Zeiten die Senke mit Wasser gefüllt ist und zu anderen Zeiten nicht, ist seit langem geklärt. Die Schlucklöcher, welche das Glasebachwasser aufnehmen, setzen sich bei erhöhtem Sedimenteintrag zu, was ein Anstauen des Wassers zur Folge hat. Mit der Zeit löst ebendieses Wasser die "Verstopfung" auf und der Abfluß ist wieder frei. Wann all dies aber geschehen wird, läßt sich bisher nicht vorhersagen.

Neben dem Wasser des Glasebachs wird der Bauerngraben auch durch Grundwasser gespeist. Die Senke stellt den tiefsten Punkt in der Umgebung dar. Dadurch gelangen viele unterirdisch im Karstgestein fließende Wasser an diesen Ort.

Die Gegend rund um den Bauerngraben ist seit dem Jahre 1961 Naturschutzgebiet. Das geschützte Areal umfaßt eine Fläche von 62 Hektar. Die Landschaft am Bauerngraben unterliegt einem stetigen Wandel, welcher durch die im Karstgestein ablaufenden Auslaugungsprozesse verursacht wird. Immer wieder bilden sich neue Spalten am Steilhang südlich des Grabens. In deren Folge stürzen bald darauf große Gesteinsmassen zu Tal. Dieser Materialeintrag kann dann der Grund für die nächste "Verstopfung" der Schlucklöcher sein, was eine erneute Seebildung bewirkt.

Sie erreichen den Bauerngraben nur zu Fuß und am besten über den Karstwanderweg. Etwa einen Kilometer weiter östlich befindet sich an der Straße von Agnesdorf nach Roßla ein Parkplatz. Dort können Sie Ihr Fahrzeug abstellen und dem Weg zum Bauerngraben folgen. Der Karstwanderweg führt fast vollständig um dieses Naturphänomen herum und bietet Ihnen immer wieder eindrucksvolle Ausblicke. Am Wegesrand befinden sich unzählige Erdfälle und tiefe Spalten. Es sei daher hiermit dringend davon abgeraten, den ausgeschilderten Wanderweg zu verlassen und quer durch das Gelände zu laufen. Die hier anzutreffenden Karsterscheinungen sind zwar beeindruckend, aber auch nicht ungefährlich. Dies gilt in besonderem Maße für den Bereich nahe der Abbruchkante oberhalb der Steilwand. Dort geht es abrupt und beinahe senkrecht mehr als 50 Meter in die Tiefe!

 


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Weitere Informationen:
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